Feuerlocke76

Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

Artikel von Feuerlocke76 veröffentlicht am 28.05.2010 15:32 Uhr

Alles fing so langsam an. Zunächst nahmen wir es gar nicht wahr.

Namen hatte sie noch nie so gut behalten können. Kein Grund sich Gedanken zu machen, dachten wir alle damals. Sie ging in den Keller, wollte etwas holen und wusste dann nicht mehr was, suchte den Kellerschlüssel und hatte ihn in der Hand.

Erinnerungen an vergangene, glückliche Tage. Der Geruch von Kaffee, das Marmeladenbrot in meiner Hand, während ich mich an sie kuschele und sie mir von ihrer Kindheit, vom Krieg, von einem vergangenen Leben, erzählte, während Kater Limahl um meine Beine schlich.
Ich liebte diese Stunden bei ihr im Nachbarhaus. Seit dieser Zeit denke ich an sie, wenn ich Kaffee rieche und Marmeladenbrot schmecke.

Eines Tages erzählte ich ihr von der Schule und merkte, daß sie mir nicht folgen konnte. Einmal nannte sie mich so, wie meine Mutter heißt. Sie konnte sich einfach nicht mehr an meinen Namen erinnern.
"Hast Du die Wolle für meine Strickliesel gekauft?" fragte ich sie.
"Welche Wolle?"
"Du hattest mir doch versprochen, mir heute dabei zu helfen."
"Davon weiß ich nichts."
"Oma, weißt Du nicht mehr? Du hast es mir doch versprochen!"

Es waren zwar nur Kleinigkeiten, aber sie passieren immer öfter und öfter. Dauernd sucht sie etwas. Ihre Brille, ihren Geldbeutel. Ihre Post lag im Kühlschrank und die Milch auf der Fensterbank. Ich darf immer seltener zu ihr, Oma ist müde, sie hat sich hingelegt, stör sie nicht. Sie erzählt nicht mehr so wie früher, ist ruhiger, nachdenklicher geworden. Trauriger.
Ich vermisse die Oma, die sie früher war.

Einmal ging ich mit ihr einkaufen, eine Stimme hinter uns sagt: "Du wolltest mich doch anrufen, Helene" Oma schaut sich um und fragt: Entschuldigung, aber wer sind Sie?"
Die Frau ist Anna, ihre Schwester.

Einige Wochen später, nachdem Oma in unserer Küche mitten in der Nacht Kakao für mich gekocht hat und auf einem Stuhl sitzend und wartend, bis die Milch kocht, eingeschlafen ist, vereinbaren meine Eltern einen Besuch beim Arzt mit ihr.

Der Arzt meinte nach einigen Untersuchungen und Tests, sie hätte wohl Alzheimer, nicht heilbar und sich stetig verschlechternd. Sie fahren mit ihr nach Hause. Tage später fragte sie meinen Vater, wo bleibt denn Franz (ihr Mann) ? Der müsste doch schon längst von der Arbeit zurück sein? Ihr Mann war zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre tot. Einige Wochen später sagte sie zu meinem Vater: Franz, hast Du die Gießkanne gesehen? Ich finde sie nicht mehr.

Das Abschied vom Ich.
Jeden Tag ein Stück mehr vom Leben.
Der Abschied von einem geliebten Menschen.
Jeden Tag ein Stück mehr von Dir.

Der Arzt meinte, irgendwann wird sie dauernd pflegebedürftig, wird nicht mehr alleine essen können, inkontinent, nicht mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden können, wird die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sie im Laufe des Lebens gelernt hat, verlieren. Eine Mittel gegen diese Krankheit gibt es bis heute nicht, nur der Krankheitsverlauf kann mit Medikamenten verzögert werden.

Wochen später kommt meine Mutter nach Hause und klingelt, weil sie den Haustürschlüssel vergessen hat.

Oma geht in den Flur, schaut durch die Glastür, dreht sich zu mir um und sagt: Da steht eine Frau draußen, die ich noch nie gesehen habe, sicherlich will die was verkaufen.

Bevor ich was erwidern kann, öffnet sie die Tür und sagt:
„Wir kaufen nichts.“

Und schließt die Tür.

Hinter sich, hinter ihrem Leben, ihren Erinnerungen und den geliebten Menschen.

Du bist gegangen, jeden Tag ein Stück mehr von Dir.
Seit Du für immer gingst, fehlst Du mir. Jeden Tag ein Stück mehr.


Ich hoffe von ganzem Herzen, daß sich in meinem Leben niemals diese Tür schließen wird, auch wenn ich es selbst nicht mehr mitbekommen würde, aber der Gedanke daran, daß ich irgendwann nicht mehr den wundervollen Menschen, den ich zur Welt gebracht habe, den besonderen Menschen, den ich liebe, all die einzigartigen und geliebten Menschen in meinem Leben erkenne und vor allem der Gedanke daran, wie sehr diese leiden würden, wie hilflos dieses Vergessen macht, dann wäre ich für den Tod, bevor sich diese Tür hinter meinem Leben und meinen Erinnerungen schließt.

 

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Artikel von Feuerlocke76 am 28.05.2010 15:32 Uhr
99 Leser, 57 Kommentare
Themen: Artikel, der Abschied vom eigenen Ich

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Diskussion

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    cheguevachegueva, vor 7 Jahren

    jeder artikel ein stück von dir ... ;)

    hi Mone, bin wieder mal der nachzügler hier. Aber ich muss unbedingt noch ein paar zeilen zu deinem artikel schreiben.

    es ist schön, wieder von dir zu lesen, auch wenn es ein sehr trauriger beitrag ist. Aber so ist nun mal das leben.

    aber du hast das seltene talent, so zu schreiben, dass man sehr berührt und gefangen wird von deinen gefühlen... und am ende bleibt auch bei diesem traurigen thema etwas wunderschönes und positives zurück

    … und ich bin mir absolut sicher, dass deine oma deine liebe und wärme wahrgenommen und gespürt hat. Sie hatte nur nicht mehr die möglichkeit es dir zu zeigen...

    drück dich ganz doll
     
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    Feuerlocke76Feuerlocke76, vor 7 Jahren

    Re: Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

    Häng noch am Telefon :-)

    Aber antworte gleich noch....
     
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    kein FotoImai, vor 7 Jahren

    Ja,

    so oder ähnlich läuft es ab mit dieser Krankheit und die meisten Menschen werden nicht darum herum kommen, sich irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal richtig damit auseinander zu setzen. Es gibt einfach zu viele Betroffene, als dass mensch sich davor dauerhaft verstecken könnte.

    Ich habe Folgendes gelernt im Umgang mit einer ähnlichen Situation:
    Es nutzt nichts, dem erkrankten Menschen zu widersprechen. Versuche, ihn wieder in die "normale" Welt zurück zu holen, an die er sich immer schlechter erinnern kann, bleiben erfolglos.
    Die Erkrankten selbst nehmen zumindest in der ersten Zeit die Veränderungen sehr wohl noch einigermaßen bewusst wahr und werden unter Umständen depressiv (und aggressiv), weil sie immer wieder Kontra bekommen. Ihre (ersten) Aussetzer quälen sie um so mehr, je öfter andere sie ihnen auch noch vor Augen halten.

    Auch hier gilt dann: "Gut gemeint ist nicht gut gemacht!" -
    so hart diese Einsicht am Anfang vielleicht sein mag, wenn mensch einen (geliebten) Menschen an diese Krankheit verliert

    Akzeptieren, dass die Situation nun (leider) so ist und den anderen in seiner Welt friedlich existieren lassen - das ist es, was weiterhilft ... den kranken Menschen und auch den Angehörigen.

    Und ich kann jedem nur raten, sich rechtzeitig über das Betreuungsgesetz zu informieren!
     
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    Feuerlocke76Feuerlocke76, vor 7 Jahren

    Vielen lieben Dank

    für all die Bewertungen und Kommentare, muß nochmal kurz off gehen, aber antworte später nochmal.....
     
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    Trophy47Trophy47, vor 7 Jahren

    Re: Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

    Danke,
    Es war die Oma
    und nun ist es die Mutter.
    Ich lerne gerade es zu sehen, wie es ist,
    eine Woche mit ganz vielen kleinen Abschieden,
    und sie tun alle fast genau so weh,
    wie der letzte dann.
     
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    kein FotoAsopos, vor 7 Jahren

    Re: Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

    sehr berührend.

    seit meine mutter ähnliche ansätze zeigt, bemerke ich, wie schwierig es ist, sich als (noch) gesunder mensch damit auseinanderzusetzen. es ist so ganz anders als eine "normale" krankheit und man kommt schnell an seine grenzen. zumindest geht es mir so.

    sehr schön geschrieben. :-)
     
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    Andrea_in_the_netAndrea_in_the_net, vor 7 Jahren

    Re: Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

    Liebe Feuerlocke!

    Vielen Dank für diesen gefühlvollen Beitrag, der so viel Klarheeit enthält.

    Ich weiß nicht, ob es ein Trost sein kann, ich schreibe es trotzdem mal auf:
    Menschen, die an Altzheimer leiden, leiden zunächst an den Defiziten, die sie deutlich wahrnehmen.
    Viele versuchen, dagegen anzugehen, indem sie sich Erinnerungshilfen schaffen, die sonst keiner sieht-

    Irgendwann ist dieses Festhalten unnötig, weil der Zettel an nichts mehr erinnert.

    Dann ist das Leben vielleicht nur noch von aussen betrachtet, schwer.
    die Milch auf dem Herd, der liebe-volle Gedanke, Kakao zu kochen... Er hat es zur Umsetzung geschafft. - das ist schön... es zeigt ihre Liebe...

    Wir neigen dazu, mit Menschen, die an Altzheimer erkrankt sind zu schimpfen, wie mit kleinen Kindern, weil wir ihr Verhalten so bewerten.
    Das verwirrt oft und macht unsicher - die logischen Erklärungen, dass ein Hähnchen nicht in die Waschmaschine gehört, können sich die anderen sparen.
    Altzheimer-Patienten leben zu einem grossen Teil in einem kurz-dauernden Jetzt - das nächste JETZT hat u.U. nix mit dem vorherigen zu tun.

    Ich wünsche uns allen, dass wir demente Menschen und Menschen mit Altzheimer in Würde begleiten und achteen können, wo sie uns begegnen, dass wir fähig sind, ihnen dann die Liebe, die wir über Jahre und Jahrzehnte von ihnen geschenkt bekommen haben und das immer noch tun, dann an sie zurückspiegeln können, wenn sie es brauchen - in ihrem Jetzt - und am meisten dann, wenn sie das Bett auf den Balkon stellt undGemüsebrühe drüber schüttet - gerade dann!
     
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    destiny0 destiny0, vor 7 Jahren

    Re: Jeden Tag ein Stück mehr von Dir

    eines der schwersten Dinge....zu zusehen, wie ein geliebter Mensch Stück für Stück verschwindet und man hilflos daneben steht........(mein Opa hatte Parkinson)
    Zurückschauend war der letzte Moment eine Erlösung, wenn auch eine schmerzhafte......
     
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    kein Foto Asteria, vor 7 Jahren

    Nein,

    ...nicht hinter sich, hinter ihrem Leben, ihren Erinnerungen und den geliebten Menschen.
    Vor der Wirklichkeit, in der sie sich nicht mehr zurecht findet, in der sie vielleicht auch keinen Platz mehr für sich sieht.
    Wichtig ist, dass sie immer bei dir sein wird - auch wenn es schmerzhaft war mitzuerleben, wie sie aus dem Leben geht, obwohl sie noch da ist.

    Danke, Mone!
     
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