Feuerlocke76

Weihnachtsfest in der Goethestraße 33

Artikel von Feuerlocke76 veröffentlicht am 22.12.2009 18:32 Uhr

Im Erdgeschoß
sitzen Familie Heinz und Elfriede Schröder zusammen mit ihren 8 Kindern, 31 Enkeln und 14 Urenkeln. Ohrenbetäubendes Geschnatter zwischen Würstchen, Kartoffelsalat, Kinderpunsch und Aquavit. Irgendwann, bei schätzungsweise 2,9 Promille, erhebt sich Heinz und prostet mit seinem 17. Aquavit in die Runde: “Bescheeeeeeeeerung”.
Daraufhin stürmen alle in Richtung Weihnachtsbaum, fast so als wäre Ausverkauf bei Woolworth. Wenigstens, so denkt Elfriede, muß man sich im Kreise der Verwandschaft nicht mit den ganzen Kaufhaus-Ausländern herumschlagen, dieses Pack, das einem immer alles wegschubsend vor der Nase wegkauft. Elfriede sitzt mit inzwischen schon ein wenig glasigen Augen in ihrem Ohrensessel, während Heinz sie zusammen mit dem 18. Aquavit umarmt und ihr einen Kuß auf die Lippen drückt, mit dem schalen Nachgeschmack von Anis und Corega Tabs. Die Tanne von OBI schwankt unter all dem Trubel, Gedrängel und Geschubse fast so bedrohlich wie Heinz, der sich auf den Weg in die Keller macht, um weiteres Aquavit und Bier zu holen. Kurz nachdem hinter dem Torkelnden die Tür ins Schloß fällt, öffnet auch der kleine Kevin sein Weihnachtsgeschenk.

Im 1. Stock
klingelt es gerade bei Sascha-Rüdiger und Chantal Hemminger. Der Feinkost-Service, der ihr Weihnachtsmenü bringt. Beide sind erfolgreiche Software-Entwickler Diplomidioten. Chantal, wie immer im strengen Kostüm von Versace, jedoch heute mit leger offenen Haaren, nimmt das Essen an der Tür in Empfang. Sie gibt (wie üblich) kein Cent Trinkgeld und stellt das Essen in die keimfreie, unbenutzte und ca. 40 Quadratmeter große Küche. An den Wänden hängen unbenutze Küchengeräte und Kupfertöpfe. Während Chantal in der gemeinsamen Küche vorsichtig, um sich ja nicht die perfekt manikürten und künstlichen Fingernägel zu beschädigen, das Essen auspackt und auf im Ofen vorgewärmte Villeroy & Boch-Teller verteilt, sitzt Sascha-Rüdiger wartend im Wohnzimmer auf der schneeweißen Ledercouch von Rolf Benz und beschwert sich unterdessen über dem Lärm der asozialen Rammlerfamilie im Erdgeschoß und stellt den Lautstärkeregler an der Bose-Anlage höher und knipst den elektrischen Kamin an.
“Mmmmh, meine Liebe, wie das duftet!“ schwärmt er, als Chantal das Wohnzimmer betritt und beim nächsten Schritt auf ihren Stilettos umknickt.

Im 2. Stock
sitzt Betty Becker, die 41jährige Einzelhandelskauffrau von Aldi, vor ihrem 40cm hohen Mini-Weihnachtsbaum aus Plastik. Unter dem Baum hat sie die Weihnachtskarte von ihrer besten und einzigen Freundin Katharina aus Amerika, die dezent verpackte Schachtel von Orion und einen Teller mit Plätzchen und Pistazien aus dem Aldi-Sortiment aufgestellt. Flüsternd wünscht sie sich selbst schöne Weihnachten und stochert melancholisch in Ihrem Fertig-Festtagsmenü von Bofrost herum. Als ihr Handy auf einmal piept, springt sie von ihrem Stuhl auf, aber findet nur eine SMS ihres Providers vor: “Frohe Weihnachten wünscht Ihnen ihr Vodafone-Team”.
Zum Essen hat sie sich den teuersten Rotwein aus dem ALDI-Sortiment gegönnt, kann aber keinen Unterschied zum roten 2€-Wein schmecken, allerdings ist ja Weihnachten und da darfs dann auch mal was Teureres sein, denkt sie. Nach dem Essen beschließt sie, noch schnell den Computer anzuschalten, um auf der Single-Seite, auf der sie angemeldet ist und in ihrem Email-Postfach zu schauen, ob Nachrichten für sie da sind, findet aber außer diversen Spam-Mails und einem kurzen Glückwunsch von Harald, einer Chatbekanntschaft (verheiratet, 3 Kinder, mit dem sie bisher 4, 5 mal im Bett war) mit folgendem Inhalt: „Hallo Betty, frohe Weihnachten! Ich melde mich im neuen Jahr, hätte mal wieder Lust auf geilen Sex mit der schärfsten Frau der Welt! Bussi auf Muschi, Harald“ nichts vor und schaltet ihren Computer wieder aus. Eine halbe Stunde später liegt unter dem unechten Weihnachtsbaum nur noch die Verpackung des Paketes von Orion. Außer einer vor sich hin brummenden Jingle Bells-Melodie, blinkende Lichter und leichtem Stöhnen ist nichts mehr zu sehen und zu hören in dem dunklen Schlafzimmer.

Im 3. Stock
befördern Detlef und Harry, die im ganzen Haus nur „die warmen Turteltäubchen“ genannt werden, gerade die Gans aus dem Ofen, die sie vor einigen Stunden mit viel Hingabe armtief und mit vielen Leckereien gestopft haben.
“Mein Hase, wie herrlich das doch duftet” gurrt Detlef beim Anblick der knusprigen Gans.
“Mein Bärchen, wir haben sie ja auch mit viel Liebe gestopft” gibt Harry nasal und augenzwinkernd zurück und drückt seinem Liebsten einen dicken Schmatzer auf die Wange.
Drinnen ist bereits die Beleuchtung am Weihnachtsbaum eingeschaltet, die die Wohnung in ein dezentes Lichtermeer aus rosa taucht. Tänzelnd wird die Speise in das Wohnzimmer gebracht und sich mit einem Gläschen Prosecco zugeprostet.
“Schatzi, laß es Dir schmecken, Bussi, Bussi!“ klingt es einvernehmlich und außer ein paar Augenaufschlägen, ein paar frivol gehauchten Küßchen, ist nichts mehr zu hören. Nach dem Essen räuspert sich Harry kurz und bittet Detlef für eine kleine Überraschung nach nebenan ins Schlafzimmer.

Im Souterrain
steht die Wohnungstür von Ivo Krawalke einen Spalt offen. Am Hauptsicherungskasten, ein paar Meter neben der Tür sieht man den Hartz IV-Empfänger ein paar Kabel vertauschen. Kurze Zeit später dringt Licht durch den offenen Türspalt und mit einem Lächeln schlurft er in seine Wohnung zurück. Es riecht nach 10 Tage alten Socken und billigem Fusel aus dem Supermarkt um die Ecke. Ivo hat eine Lichterkette vom Jawoll-Markt an der verdorrten Palme befestigt. Die Flimmerkiste läuft. Mit einem gefüllten Teller aus der Mikrowelle, was in etwa aussieht wie eine Mischung aus Sauerkraut, Ravioli und Hundefutter, sowie einem Sixpack Karlsquell Pilsener, setzt sich Ivo auf die Couch mit undefinierbaren Flecken und diversen Brandlöchern, rückt sich das schwere Gemächt zurecht und schiebt den vollen Aschenbecher auf die Seite. Dabei in die Glotze schauend, schaufelt er das Essen wie ein afrikanisches Warzenschwein in sich hinein und prostet Frauke Ludowig auf der Mattscheibe zu. Kurz danach ist der Strom in seiner Wohnung weg, er flucht: „Verdammte Scheiße, was ist denn jetzt los“ und tastet sich zur Wohnungstür.

Immer noch im Souterrain
entdeckt Ivo Krawalke im Schein der Taschenlampe Heinz Schröder. Der ehemalige Elektroniker und sowas wie die deutsche, gute Gründlichkeit im Haus in der Goethestraße 33, schwankt bedrohlich im Lichtkegel hin und her. Beladen mit 3 Aquavit-Flaschen und einem Sixpack, knipst er das Licht im Treppenhaus an und steht Ivo Krawalke gegenüber.
“Du Saukerl, Dir werd ich helfen, hier Strom zu klauen! Geh arbeiten Du Schmarotzer!”, schreit Heinz lallend, der Ivo bereits mehrfach beim Strom klauen ertappt hat.
Ivo, inzwischen mit einem ähnlichem Promillepegel wie Heinz gesegnet und geil auf die Reportage “Frivole Weihnachten am Ballermann” auf RTL, schubst Heinz beseite. Nicht nur die Sicherung für Ivos Wohnung im Souterrain brennt daraufhin durch, sondern auch die von Heinz, der sich gerade wieder vom Boden mühsam aufgerappelt hat.
“Sie Schwein sin beschulligt des Angriff auf einen guten, deutschen Arbeiter, 3 Flaschen Aquavit und de Strom dess Hauses, Anneklaggter. Für das deutsche Reich un alle unbescholtennnnen brave Brüger werd icke das übbernehmen”, lallt Erwin und haut Ivo eine Flasche Aquavit übern Schädel.
Blut spritzt gegen den Sicherungskasten. Heinz salutiert mit “Heil Heinz”.

Im Erdgeschoß
kreischt Kevin “Ich will kein gottverdammtes Playmobil, das iss was für Babys” und übertönt mit seinem Geplärre alles, was keine selbstgestrickten Socken oder die obligatorischen Krawatten mit Rentieren oder Micky-Maus-Motiven wollte.
Mitten unter all den aufgebrachten und kreischenden Enkeln und Urenkeln sitzt Elfriede, der Kopf auf die Brust gesunken, schlafend in ihrem Ohrensessel. In all dem Trubel hat bisher noch niemand Heinz vermisst, der immer noch nicht vom Getränkeholen zurückgekehrt ist. Mittlerweile sind auch Sybille und Frederike in Heulkrämpfe ausgebrochen, weil Kevin, der selbst in diesem frühen Kindheitsalter schon sadistische Neigungen besitzt, sich an den Geschenken seiner Cousins vergangen hat. Alle Kinder fangen nun an, sich zu prügeln und mit Geschenkpapier zu bewerfen, ungewollte Geschenke fliegen durch die Gegend und dank dem Papierbewurf hat inzwischen auch der Weihnachtsbaum Feuer gefangen und brennt in wenigen Minuten lichterloh. Elfriede lächelt im Schlaf. Während die Flammen langsam auf das restliche Wohnzimmer übergreifen, versuchen einige den Brand mit den Aquavit-Resten aus den Gläsern zu löschen. Inzwischen ist Elfriede durch die ganzen Schreie aufgewacht und schiebt sich nun wie eine lebende Fackel an ihrem Gehwägelchen durch die lodernden Flammen.

Im 1. Stock
stürzt währenddessen Chantal Sascha-Rüdiger mit vollen Tellern und einem Dekanter teuren französischen Rotweins entgegen.
“Du blöde Kuh!! Meine Couch!! Mein Teppich!! Mein Anzug!!!“
“Du Arschloch!! Meine Nägel!!!”, hört man es hinter den Türen des 1. Stocks schreien.
Chantal liegt mit einem angeschwollenen Fußgelenk im Weihnachtsessen und brüllt „Du impotenter Scheißkerl, helf mir lieber auf!“
Sascha-Rüdiger brüllt zurück: “Du kannst mich mal, Du hast gerade alles mit Essen und dem Wein ruiniert und übrigens bin ich in den letzten Monaten nur deshalb länger im Büro, weil ich möglichst wenig Zeit mit einer so frigiden Kuh wie Dir verbringen will und außerdem bekomme ich während meinen Mittagspausen von meiner geilen Sekretärin einen geblasen, denn nicht mal das kannst du ja richtig, Du doofe, fette Kuh”, schreit Sascha-Rüdiger.
Chantal kriecht durch zerbrochenes Porzellan, den Resten des Feinkost-Dinners und dem Rotwein. Mit einer großen Scherbe des Dekanters beginnt sie die Couch (die laut Ehevertrag Sascha-Rüdiger gehört) aufzuschlitzen. Es entsteht ein Handgemenge zwischen den beiden und mit aufgestauter Wut wälzen sich Chantal und Sascha-Rüdiger wie Furien in einer Lache aus Rotwein und Wasser aus der umgestürzten Blumenvase. Durch das Gerangel fällt nun auch die elektrische Heizplatte vom Tisch und beschert dem jungen Unglück ein jähes Ende.

Im 2. Stock
ist Betty schon lange nicht mehr Herr ihrer Sinne. Irgendwo im Dunkeln des Schlafzimmers unter maschinellen Bewegungen und Vibrationen eines leuchtenden Gegenstands, taucht Betty in wollüstige Träume von muskulösen und potenten Liebhabern.

Im 3. Stock
erblickt Detlef einen mit rosa Herzen dekorierten Heiratsantrag.
“Oh Harry mein Schatz und wie ich will!!!”, haucht er glücklich und benommen in Harrys Ohr und zieht ihn aufs Bett zurück. Den Rauch, der unter der Wohnungstür hervorquellt, bemerken beide nicht.

Was daraufhin geschieht, bis die Feuerwehr eintrifft und die Flammen bereits auf das ganze Haus übergegriffen haben, lässt sich nur vermuten.

Vor dem Haus in der Goethestraße 33 tummeln sich unterdessen die Bewohner, umringt von diversen Einsatzwagen der Feuerwehr, der Polizei und Rettungsdiensten. Während im Krankenwagen versucht wird, einen nackten, stark behaarten Mann aus dem dritten Stock von einem riesigen Gummiknüppel zu befreien, versucht die Polizei eine ebenso nackte und unter Schock stehende Frau mit geistesabwesendem, dümmlichen Grinsen zu vernehmen.

“Ich will auch Feuerwehrmann werden, wenn ich groß bin”, erzählt ein vor dem Haus stehender Junge mit angesengtem Feuerwehrauto von Playmobil in der kleinen Hand.

Die Polizei zählt 56 Überlebende, doch Erkenntnisse, wieviele Personen sich tatsächlich zum Zeitpunkt des Unglücks im Haus befanden, liegen derzeit nicht vor.

Die Namen sämtlicher Personen in dieser Geschichte sind natürlich nur meiner Phantasie entsprungen :-)) und haben rein gar nichts mit Menschen zu tun, die ich nicht mag,

EUCH ALLEN EIN SCHÖNES UND VOR ALLEM STRESSFREIES WEIHNACHTSFEST! :-))

 

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Artikel von Feuerlocke76 am 22.12.2009 18:32 Uhr
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Themen: Artikel, Weihnachten, Fiktion, ironisch

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