blond-was-solls

Der erste Eindruck zählt...

Artikel von blond-was-solls veröffentlicht am 17.02.2016 12:15 Uhr

ja - da ist schon was dran, aber eben nicht immer, denn Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Begebenheit aus meinem blonden Leben.

Die Platzreservierung (COPYRIGHT)
Ein paar Tage bevor mein Vater seinen Neunzigsten Geburtstag hatte, saß ich im Zug und war auf dem Weg zu ihm. Ich fahre oft mit der Bahn und häufiger auch längere Strecken. Und da ich während der Fahrt die Zeit nutze, um meine Kurzgeschichten zu überarbeiten, reserviere ich im Großraumwagen immer einen Sitzplatz mit Tisch, weil ich da etwas mehr Platz und Beinfreiheit habe, wie in den Sitzreihen, die bei dieser Fahrt gut mit Fahrgästen besetzt waren.
„Da habe ich Glück“, dachte ich, denn ich saß noch alleine am Vierertisch. Mein Koffer war verstaut und mein Laptop und Reiseproviant lag auf dem Sitz neben mir. Aber Schreiben wollte ich noch nicht. Lieber erst frühstücken, denn wenn ich Bahn fahre habe ich immer lecker-belegte Brötchen dabei, die ich mit einer Tasse heißen Kaffee genieße, während ich in verschiedenen Zeitungen lese, was ich dann auch machte. Bis zum nächsten Bahnhof an dem der Zug laut Fahrplan für zwei Minuten halten würde, war noch etwas Zeit.

Und dann war es soweit.
Es war einer der kleinen Bahnhöfe, die eigentlich nur aus Bahnsteig bestehen, ohne Kiosk mit kaum Beleuchtung und einem oder auch zwei verwitterten Ortsnamen-Schildern, bei denen so gut wie nie jemand aus- oder einsteigt. Doch diesmal war es anders. Aber das ahnte ich noch nicht als der Zug wieder anfuhr und las weiter in der Zeitung. Doch nach einigen Minuten entstand etwas Unruhe im Zugabteil.

„Darf ich mal eben?“ und „Passen Sie doch besser auf“ und anderes der Art war zu hören. Und dann sah ich ihn, den Mann mit den zerzausten Haaren und Brille, der sich bewaffnet mit Rollkoffer, sperriger Reisetasche und Aktenkoffer mühsam durch den engen Gang des Zugabteils kämpfte und jetzt bei mir am Vierertisch, ohne mich anzusprechen, gleich seine Tasche und Aktenkoffer auf den mir gegenüberliegenden Fensterplatz wuchtete und dann seinen Rollkoffer umständlich im Gepäcknetz verstaute.
„Was nä komische Type“, dachte ich, „wahrscheinlich wird man so wortkarg, wenn man in einem Kaff lebt, in dem er zugestiegen war.“ Dann hatten wir kurz Blickkontakt und ich nickte ihm zu. Aber von ihm kam nichts. Er war schon emsig damit beschäftigt an seinem Laptop zu hantieren. Aber das war mir egal. Was soll's, eben wieder einer der Egomanen. Einer der unsympathischen Zeitgenossen. Ich las weiter in meiner Zeitung.

Nach und nach hatte der Wortkarge aus seiner Reisetasche und Aktenkoffer etliches an Büroutensilien neben sich auf dem Sitz und Tisch ausgebreitet. Fahrig stöberte er in Listen und blätterte dann in einem Ordner, um darauf irgendwas in seinem Laptop zu notieren.
Auch ich hatte beschlossen ein paar meiner Kurzgeschichten zu überarbeiten. Viel Platz brauche ich nicht dafür. Und wenn, würde ich versuchen keinen Fahrgast in seinem Platz einzuschränken. Bei dem Wortkargen war das anders. Jetzt machte sich sein egoistisches Verhalten zusätzlich bemerkbar, in dem er nicht nur den Tisch bis zu meinem Laptop für seinen Bürokram vereinnahmte, sondern seine langen Beine unter dem Tisch hindurch so platzierte, dass ich seine manchmal hektischen Bewegungen deutlich mitbekam.
Klar, erst wollte ich ihn darauf hinweisen, dass er besser Rücksicht nehmen sollte, bevor ich meine Rücksicht vergesse. Aber dann verzichtete ich auf die erzieherische Maßnahme, denn wenn, hätte ich später noch Zeit dazu. Jetzt war mir wichtiger ein paar Schritte zu laufen, in dem ich das Bordrestaurant aufsuchte.

Ich ließ mir Zeit im Bordrestaurant. Ich war der einzige Gast und die Ruhe war angenehm. Am Fenster stehend zogen die Herbstblätter des Mischwaldes vorbei. Und zwischendurch sah ich, dass der Rhein einen niedrigen Wasserstand hatte. In letzter Zeit hatte es kaum geregnet. Aber das war der Schifffahrt egal. Touristenschiffe und ein paar Binnenschiffe mit allerlei sperrigen Dingen beladen, schipperten langsam den Rhein entlang.
Mein Getränk hatte ich ausgetrunken, aber ich stand noch eine Weile am Fenster. Doch dann animierte mich das monotone Fahrgeräusch der Bahn dazu an meinem Sitzplatz ein Stündchen zu dösen.

Zurück am Vierertisch gab es keine Veränderung. Der Wortkarge kramte vertieft in seinem Aktenkoffer, um andere Listen auf dem Tisch abzulegen und bemerkte mich erst als ich absichtlich seine Beine beim Hinsetzen unsanft anstieß, die er darauf erschrocken zurückzog. „Ja nun, so was kann passieren“, sagte ich und schaute ihn provozierend an. Aber er nickte nur kurz und war dann wieder bei seinen Listen, die er mit Kugelschreiber abhakte. Was soll's, mehr Reaktion hat er eben nicht drauf, dachte ich und beschloss Musik über Kopfhörer zu hören. Musik stört mich nicht beim Dösen. Im Gegenteil, schon kurz darauf fielen mir die Augen zu.

Als ich wieder aufwachte fuhren wir nicht mehr am Rhein entlang. Irritiert schaute ich zum Wortkargen und zu meinem Erstaunen lächelte er mich an. Nanu, was war mit dem. Und dann entschuldigte er sich bei mir.
Er hatte sich schon in der Druckerei aufgeregt, weil die da Mist gebaut hatten und das bei einer wichtigen Termin-Sache. Und er musste extra persönlich dieses Kaff aufsuchen, um die Sache vor Ort übers Wochenende in den Griff zu bekommen. Und darum war er vorhin auch so richtig neben der Spur, weil er den Vertrag mit der Druckerei in dem Kaff beendet hat. Dann streckte er mir versöhnlich die Hand entgegen. Und so kamen wir ins Gespräch.

„Schwamm drüber, schon okay“, sagte ich. Ärger, samt Magenproblemen kenne ich aus meiner beruflichen Vergangenheit auch. Irgendwann hatte ich nicht mal mehr die Nerven für nervige Auftraggeber. Da war mir sogar egal, dass mir die als Kunden verloren gingen. Ich fahre übrigens bis Hamburg“, sagte ich. „Ich habe es noch ein Stück weiter“, meinte er, „ich muss nach Berlin.“ „Oha und warum nicht mit dem Flugzeug?“ „Mit dem Flugzeug, ja schon, aber das Kaff in dem ich zugestiegen bin hat keinen“, meinte er und grinste.
Mir gefiel sein Humor. Und ich konterte und war mir sicher, er würde es richtig verstehen, obwohl es nicht zum direkten Zusammenhang passte. „Okay mein Fehler, aber dafür hat Berlin einen sehr teuren Flughafen, da kann man Golf auf dem Gelände spielen und wenn man möchte drei Kilometer mit der U-Bahn hin und her fahren, damit sich durch die Zugluft kein Schimmel im Tunnel bildet und nichts rostet.“ Er sah mich an, dann brachen wir beide in Gelächter aus, was in kichern endete. Zwei mit seltsamen Humor hatten sich gefunden.

„Ich heiße übrigens Tim.“ „Angenehm Tim, ich bin Andy.“ In dem Moment hörte man vom Gang eine monotone Stimme: „Möchten Sie einen heißen Kaffee, oder Kaltgetränk?“ Und kurz darauf ein leise klirren irgendwelcher Flaschen. Und dann wieder: „Möchte vielleicht jemand von Ihnen einen Kaffee oder Kaltgetränk?“
„Was meinst du Tim, Appetit auf ein Kaffee? Ich lade dich ein.“ „Nee“, meinte er, „lass mal, das machen wir anders. Ich lade dich zum Essen ein, wir gehen ins Bordrestaurant.“ „Also echt Tim, das kann ich nicht annehmen.“ „Ach was, das geht schon in Ordnung. Los komm', ich esse nicht gerne allein.“ „Okay, aber ich zahle die Getränke“.
Im Bordrestaurant war es noch immer angenehm ruhig. Wir setzten uns an einen Ecktisch und es dauerte nicht lange bis der Kellner in schwarzer Hose und weißen Hemd aus dem kleinen Verkaufskiosk kam, in dem er zuvor noch eine weiße Kochjacke trug und uns jetzt die Speisekarte vorlegte.
„Guten Tag, die Herren. Sie wünschen zu Speisen? Beachten Sie bitte auch unser sehr zu empfehlendes Tagesgericht“, sagte er, „heute Ungarisch-Gulasch, mittelscharf mit frischen Pilzen, dazu Frühkartoffeln.“ Dann verschwand er wieder in seinem Verkaufskiosk und ich sah noch wie er die Kochjacke wieder überzog und Gläser polierte.

„Oha, Service vom feinsten“, sagte ich trocken und sah Tim an. Ob ihm wohl das Gleiche aufgefallen war wie mir? Er grinste. „Ja First Class, ähnlich wie die Raucherkabinen auf Flughäfen.“ Wir lachten wieder. Und als ich auf den längst eingetrockneten Soßenfleck am Rand der Tischdecke deutete, gab es noch eine Steigerung. „Ganz klar modernes Design, denn so einen Fleck hatte der freundliche Kellner auch auf seinem Hemd.“ „Ja hatte ich gesehen“, meinte Tim. Und während wir in der Speisekarte blätterten hatten wir beide ein Grinsen im Gesicht.
„Such' dir aus was du möchtest“, meinte er. „Ich habe mich schon entschieden, ich riskiere das Tagesgericht. Ich möchte wissen, warum das Ungarische Gulasch, samt frischer Pilze unbedingt weg muss.“ Und wieder waren wir am Lachen. „Okay, das hat mich überzeugt, nehme ich auch“, meinte Tim und dazu ein gezapftes Helles für mich.“ „Gut, ich nehme ein stilles Mineralwasser aus der Flasche, ohne Flasche wäre vielleicht doch zu viel Risiko.“ Die Bestellung erfolgte in dem ich an das Kioskverkaufsfenster ging und dem Kellner-Koch die Speisekarten durchreichte.
„Oh, das tut mir leid, aber Bier vom Fass kann ich im Moment nicht anbieten, die Kühlung ist defekt. Aber wir haben gepflegte Biere in Flaschen.“ „Tim, hast du gehört, du kannst nur gepflegtes Flaschenbier bekommen?“ Tim grinste und meinte, „mach' du mal.“ „Okay, ich lass mir ein gepflegtes Flaschenbier für Dich empfehlen“ und schaute den Kellner-Koch und Wirt abwartend einige Sekunden an, der schon zugehört hatte, aber nicht so schnell schalten konnte. „Ach so ja, entschuldigen Sie, selbstverständlich. Also wie wäre es mit diesem Exportbier hier? Das wird gerne genommen“ und hielt die Flasche wie erlesenen Wein in beiden Händen. „Eine exzellente Wahl, das wird meinen Tischgast überzeugen. Ich werde sie als kompetent weiter empfehlen.“ Dann sah ich kurz ein Lächeln in seinem Gesicht, worauf er mit ernster Miene meinte: „Kommt sofort und ihr Mineralwasser auch.“ Und schon war er in der hinteren Kammer verschwunden.

Wieder am Tisch sitzend hörten wir einen elektrischen Dosenöffner. „Ah, das Ungarische Gulasch wird frisch zubereitet“, meinte Tim und schmunzelte. „Apropos Service, beruflich fliege ich hin und wieder Berlin, Frankfurt und zurück, spart Zeit, aber nervt auch schon mal, obwohl die Freiheit über den Wolken angeblich ja grenzenlos ist, was meine langen Beine aus Platzmangel schon immer bezweifelt hatten.“ „Ja, kenne ich auch aus damaliger Tätigkeit, obwohl das bei Langstreckenflügen schon ging. Ist aber schon ewig her. Was machst du beruflich Tim, oder ist die Frage zu indiskret?“ „Indiskret? Ach was, ich arbeite für ein Magazin.“ „Für ein Magazin? Interessant. Lass mich raten, dass Magazin hat nichts mit Promi-Tratsch zu tun.“ „Na ja, kommt drauf an“, meinte er, „es ist ein Satire-Magazin.“ Und schon brachen wir wieder in Gelächter aus, während sich der Kellner-Koch und Wirt mit leise klappernden Service-Wagen unserem Tisch näherte.
„So die Herren. Ein Helles und ein Mineralwasser.“ Dann schenkte er elegant-gekonnt ein und stellte einen Korb mit Besteck und Servietten und einen Gewürzständer auf den Tisch und schob ihn in Position. „Das Ungarisch-Gulasch bringe ich in wenigen Minuten.“ „Ja, vielen Dank.“

„Ihr habt bestimmt einiges zu Lachen in der Redaktion?“, fragte ich Tim. „Das bleibt nicht aus“, meinte er, wir verstehen uns alle gut, aber bei Absprache der Themenbereiche in der Konferenz geht es sachlich zu, wie bei jedem anderen Magazin. Satire ist eben auch eine ernste Angelegenheit. Das ist ähnlich wie bei tiefsinnigen Zirkus-Clowns, die in Wahrheit eher zu einer gewissen Melancholie oder Traurigkeit neigen. Es ist wie bei Kabarettisten und Satirikern, die dem Publikum ungutes an politischen Geschehen versuchen möglichst witzig zu präsentieren, wobei sie bevor sie ihr Programm dazu erarbeitet haben, schon gewissermaßen am Geschehen im Land oder irgendwo auf der Welt gelitten haben. Alle die in diesen Branchen tätig sind, sind einer gewissen Hilflosigkeit ausgeliefert, denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wenn auch mit kleinen Erfolgen. Denn letztendlich geben Kabarettisten und Satiriker ihrem Publikum in erster Linie nur ein klein wenig Hoffnung und Kraft, weil sie dem Publikum eben das Gefühl geben, nicht alleine dem Wahnsinn des schneller-höher-weiter-Systems und der Kettenreaktionen ausgeliefert zu sein.“ „Ja“, sagte ich, „insofern hat auch Galgenhumor eine positive therapeutische Wirkung. Und wenn die lebensbejahende Philosophie stirbt, stirbt auch die Empathie und dann wird die Nationale Verdummung auf der Welt endgültig gewinnen.“ „So sehe ich das auch Andy. Verzweiflung und Hoffnung gehen Hand in Hand, während nicht nur in Deutschland wieder einige bereit sind gegen Feindbilder zu marschieren, die für das eigentliche Unheil auf der Welt nichts können.“
Wir nickten uns zu und schauten für einige Zeit aus dem Fenster. „Tim“, unterbrach ich die Stille, „es freut mich dich kennen gelernt zu haben.“ „Geht mir umgekehrt auch so Andy.“

Und da war es dann wieder. Das leise scheppernde Geräusch des Servierwagens. „So die Herren. Ungarisch-Gulasch, mittelscharf mit frischen Pilzen und Kartoffeln der Saison. Ich wünsche guten Appetit.“ Dann kramte der Kellner-Koch und Wirt, diesmal in Kochjacke ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete eine halb runtergebrannte Kerze an, die in einem Glasständer mit der Aufschrift DB steckte. „Wenn sie noch einen Wunsch haben, die DB ist für sie da.“ Dann war er wieder geschäftig verschwunden.

„Tim, fällt dir an den Kartoffeln was auf?“ „Ja, die sehen geklont aus und sind jetzt froh aus dem vakuum-verschraubten Glas zu sein und genießen die unendliche Freiheit.“ „Richtig“, meinte ich, „Maschinengeschält hat irgendwie was wie der Diamantenschliff, da bleibt zu hoffen, dass sie nicht Diamanten-hart sind.“ Wir lachten wieder. Aber zur Ehrenrettung, was das Ungarische Gulasch mit den frischen Pilzen anging, es hatte uns nichts angetan. Und ich bestellte uns noch was zu trinken.

„Tim, übrigens ich schreibe ja auch, wenn auch Laienhaft, aber immer gerne im ironischen Stil. Ich habe aber auch anderes, z.B. Kindergeschichten.“ „Hört sich gut an, dass würde ich gerne mal lesen“, meinte er. „Kein Problem, ich habe alles hier auf Festplatte.“ „Klasse, ich würde mir das auf meine Externe überspielen. Kabel habe ich dabei. Weißt ja, ich habe mein halbes Office mit und hatte damit genervt.“ Er grinste. „Aber interessiert mich echt, ich werde es in Ruhe lesen. Lass uns unsere Adressen und Telefonnummer austauschen, ich melde mich auf jeden Fall die Tage.“ „Würde mich echt freuen. Sollte ich nicht da sein, spreche mir bitte auf Anrufbeantworter, ich rufe dann zurück.“ „Klar, mach' ich. Aber sag' mal, was machst du eigentlich beruflich?“
„Ja nun, ich bin sozusagen seit langen Jahren bekennender, erfolgreicher Loser, nach dem ich mir über noch mehr Jahre einige Schrammen und Magenprobleme sinnlos erarbeitet habe.“ „Oha, klingt irgendwie nicht gut“, meinte er. „Magst Du was drüber erzählen?“ „Ja, warum nicht.“
Und dann erzählte ich von den Anfängen, als ich interessiert an Fotografie, mir nach und nach einiges an Fachwissen aneignete und später ein paar Fotoausstellungen machte, wobei ich aber auch das Leid der Knebelverträge in Sache Postkarten durchleben musste, bis ich auf Umwegen bei Plattencovergestaltung und anderem landete, denn die Musikwelt hatte mich schon immer gereizt.

Und ich erzählte ihm, das mich diese Branche dann aber auch irgendwann nervte und das nicht nur wegen einiger Newcomer-Bands oder schon bekannter Interpreten, wo ich unter anderem zum Beispiel mal mit Taxieinsatz, einen Sänger, so angesoffen wie er war, aus seinem Bett schmiss, weil er einen wichtigen Auftritt verpennte, während seine Band auf der Bühne versuchte die Zeit zu überbrücken, was auch gelang, aber ich es satt hatte mit Chaoten zu arbeiten und da gab es einige. Und so war für mich nach ein paar Jahren auch dieses Kapitel mit der Erkenntnis beendet, dass hinter den Kulissen der Musikwelt so manches überhaupt nicht glänzt, obwohl schon gutes Geld zu verdienen ist.
Und ich erzählte Tim in Verbindung mit meiner Lebensphilosophie, dass diese Zeit, wenn sie auch häufiger mal spaßig war, mir bestätigte, dass Geld machen, um jeden Preis für mich nicht erfüllend ist, weil mir die Gier zum Geld fehlte, aber mir andererseits auch die Freiheit gab, für mich ungute Dinge ratzfatz mit aller Konsequenz zu beenden, was damals schon viele Leute nicht nachvollziehen konnten.

Und ich erzählte ihm, das ich irgendwann beschloss meine Kontakte zu nutzten, um einen Blick hinter die Kulissen des Fernsehens zu bekommen, wobei ich zu der Zeit nicht ahnen konnte, dass ich mal als angelernter Kameraassistent für die aktuelle Berichterstattung verschiedener TV-Formate tätig sein würde, was mich kreuz und quer durch Deutschland und Europa, aber auch in entlegenste und gefährliche Gegenden der Welt führte.
Und Tim verstand, das Leute die zum Beispiel die Hitze brennenden Ölfelder im Irak, trotz Schutzanzug auf der Haut spürten, während man dem Kameramann dazu verhalf gutes Informationsmaterial einzufangen, oder an anderer Stelle von einer Kurdenkampfgruppe unter Feindbeschuss den Arsch gerettet bekommen zu haben und anderes der Art, das diese Leute mit der Angst im satten Westen anders umgehen. Denn nach fast zehn Jahren Auftragsarbeit hat man in so einem Kamerateam alles an Gräueltaten gesehen, was der hochentwickelte Homo Sapiens an Wahnsinn auf der Welt zu bieten hat.

Und obwohl ich Tim damals schon aus der Erinnerung erzählte, so spüre ich auch heute noch Unbehagen, wenn ich daran denke, über wie viel Schlechtigkeiten wir aus aller Welt berichtet hatten. Und Tim verstand, warum nicht nur ich diesen Job einfach mal beenden musste, wenn man nicht abstumpfen und verrohen wollte.

Über vier Stunden saßen wir im Bordrestaurant. Zwischendrin hatte Tim immer mal etwas nachgefragt und ich ließ im Detail nichts aus. Und auch Tim erzählte mir, wie sein privater und beruflicher Werdegang verlief bis er dann beim Satire-Magazin landete und jetzt das Gefühl hat beruflich endlich angekommen zu sein. Denn auch bei ihm lief vieles nicht ohne Blessuren. Auch er war nie wirklich angepasst, wenn auch nicht so rebellisch wie ich. Aber das muss ja auch nicht. Es langt Erfahrungen außer der Reihe erlebt und vielleicht gelebt zu haben und dabei Mensch zu bleiben mit einem vernünftigen Gerechtigkeitsempfinden.

Diese ungewöhnliche Bahnfahrt mit Platzreservierung liegt etwa fünfzehn Jahre zurück. Und noch immer sind wir hin und wieder in telefonischen Kontakt. Und das nicht nur, nach dem ich ihm mal wieder ironische Text-Idee zugeschickt habe.
Und wir lachen nach wie vor zusammen, selbst in Krisenzeiten wie aktuell. Denn Satiriker, Kabarettisten, aber auch tiefsinnige Clowns können gar nicht anders.
Und das ist gut so.

 

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Artikel von blond-was-solls am 17.02.2016 12:15 Uhr
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