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Eine schwere und teure Geburt

Artikel von blond-was-solls veröffentlicht am 01.11.2016 06:27 Uhr

Alles begann als der Architekt Alexander Gerard dem Hamburger Senat seine Idee einer extravaganten Konzerthalle vorlegte, deren Baukosten damals im Jahr 2001 rein theoretisch mit 77 Millionen Euro berechnet wurde, wobei die Bauzeit im Jahre 2010 abgeschlossen sein sollte. Doch dann kam es bekanntlich anders. Die entstandenen Gesamtkosten erhöhten sich nach ca. 16 holprigen Jahren Bauzeit auf 789 Millionen. Also zehnmal so hoch, wie ursprünglich geplant.

Die Elbphilharmonie soll akustisch zu den besten Konzertsälen der Welt zählen und die außergewöhnliche und umstrittene Architektur zum neuen Wahrzeichen Hamburgs werden.

2150 Besucher haben Platz im Konzertsaal. Zum guten Hören und Sehen befindet sich das Orchester und Dirigent in der Mitte des Saals, wobei sich die Sitzplätze nach den ersten Reihen wie in einer Arena auf 25 Meter rundum erhöhen. Zusätzlich können Besucher einen Zugang auf die Dachterrasse nutzen, die sich in 75 Meter Höhe befindet. Übrigens ist der Glasbau der Elbphilharmonie, deren Glasfassade sich über 16.000 Quadratmeter erstreckt, an höchster Stelle 110 Meter hoch.

Neben dem großen Konzertsaal gibt es noch zwei weitere. Der Mittelgroße bietet 550 Besuchern Platz und soll der Kammermusik dienen. Und der Dritte bietet ca. 150 Besuchern Platz und befindet sich im ehemaligen Kakaospeicher, der für zeitgenössische und experimentelle Musik gedacht ist.

Zwischen dem ehemaligen Kakaospeicher und Glasaufbau befindet sich auf 37 Metern Höhe eine ca. 4000 Quadratmeter große Plaza, die zu allen Seiten offen ist. So haben nicht nur Konzertbesucher, sondern auch Besucher der Restaurants und Gäste des 5-Sterne-Hotels einen schönen Ausblick auf den Hafen und die Stadt.

Von der Plaza aus kommt man ins Foyer der Philharmonie und damit auch in den Luxushotel- und Wohnbereich. Das 5-Sterne-Hotel hat seine elegante Lobby und Bar in der 8. Etage und die 244 Zimmer verteilen sich von der 9. bis zur 20. Etage. Die Zimmer mit ca. 30, 60, 100 und 160 Quadratmetern bieten ihren Gästen ausreichend Luxus und einen freien Blick über den Hafen und die Stadt.

Die Preise der Zimmer für eine Übernachtung variieren zwischen 220 bis zu 1100 und sogar bis zu 3200 Euro, wobei die Hotelgäste die Wellnesslandschaft auf 1200 Quadratmeter mit beheizten Indoor-Pool, Solarium, Dampfbad, Saunen und Erlebnis-Duschen, sowie eine Frischluft-Loggia nutzen können. Und natürlich ist entsprechend für ausreichend Edel-Shopping gesorgt.
Ansonsten bietet das Hotel auf 830 Quadratmetern, modernsten Komfort für den Geschäftsbereich mit einigen kleineren und einem großen Konferenzbereich.

Auf der Westseite der Philharmonie befinden sich 45 Eigentumswohnungen, die zwischen 100 und 400 Quadratmeter groß sind. Der Quadratmeterpreis liegt derzeit bei 30 bis 36.000 Euro. Die Größe der Wohnung bestimmt die Höhe der Etage. So befindet sich die sogenannte Präsidenten-Suite im 20. Stockwerk.
In der Profi-Branche gelten die Luxuswohnungen als „Trophy-Immobilie“, also als Prestige-Kauftrophäen. Und das ist auch der Grund, warum die solventen Käufer den überhöhten Preis zahlen, denn Eigentumswohnungen außerhalb der Elbphilharmonie gleicher Luxuskategorie in besten Wohngegenden Hamburgs kosten etwa die Hälfte. Also "NUR" lächerliche 16 bis 18.000 Euro der Quadratmeter.

Den Wohnungskäufern in der Elbphilharmonie interessiert der Preis nicht. Für sie ist auch nicht wichtig ob die Immobilie im Preis steigt oder fällt. Ihnen ist wichtig etwas zu besitzen, was andere sehr vermögende Leute eben nicht haben. Übrigens die Investoren und Architekten Frank Gerard und Philipp Schmitz Morkramer hatten recht schnell alle Wohnungen verkauft. Für den Bau der 45 Wohnungen hatten sie ca. 50 Millionen Euro investiert. Aber sie kennen die Psyche der übersättigten Reichen auf der Welt genau – und hatten den satten Gewinn voraus gesehen.

Hier mal die Entstehung - die schwere Geburt der Elbphilharmonie im Ablauf:

2001: Architekt Alexander Gerard legt die Idee vor eine Konzerthalle auf dem roten Backstein-Kakaospeicher zu bauen. Zwei Jahre später präsentieren die schweizer Architekten Herzog & de Meuron im Auftrag von Alexander Gerard den ersten Entwurf der Elbphilharmonie, die 77 Millionen Euro kosten sollte.

2005: Nach erneuter Kostenüberprüfung wird das Ergebnis der Bürgerschaft und Senat vorgelegt. Unruhe entsteht, denn die Gesamtkosten belaufen sich jetzt auf 186 Millionen Euro. Der Senat beschließt, das die Stadt nicht mehr wie 77 Millionen Euro dazu geben wird und bemüht sich um Spenden.

Mitte 2005: Die Stadt bedankt sich bei dem Ehepaar Helmut und Hannelore Greve. Sie spendeten 30 Millionen Euro für den Bau. Und weitere großzügige Spenden kamen von Michael Otto und der Reemtsma-Stiftung in Höhe von 10 Millionen Euro. Für weitere Spenden, um die Baukosten für die Stadt, sprich für den Steuerzahler zu entlasten, wurde noch im gleichen Jahr die Stiftung Elbphilharmonie gegründet.
2006: Bürgermeister Ole von Beust gibt bekannt, dass die Elbphilharmonie nach erneuter Überprüfung noch teurer wird. Die Baukosten steigen auf 241 Millionen Euro und der Anteil der Stadt klettert auf 114 Millionen.
Die damalige Kultursenatorin Karin von Welck verkündet, die Eröffnung des Konzerthauses wird sich um ein weiteres Jahr, auf 2011 verzögern.

2008: Nach diversen Baupannen teilt die Kultursenatorin mit, dass sich die Kosten auf 323 Millionen Euro verdreifachen. Allerdings soll der Bau bis Ende 2011 abgeschlossen sein und die feierliche Eröffnung dann im Frühjahr 2012.

2010: Die Hamburgische Bürgerschaft setzt einen Untersuchungsausschuss ein, um die Ursachen der Kostensteigerungen herauszufinden. Als Termin für die Eröffnung des Konzerthauses wird inzwischen 2013 genannt.

2011: Hochtief kündigt erneut eine Bauverzögerung bei der Fertigstellung an. Aus Bedenken der Sicherheit wurde die Arbeit am Dach der Elbphilharmonie vorübergehend eingestellt. Noch im gleichen Jahr beginnt der Prozess vor dem Hamburger Landgericht. Die Stadt will juristisch prüfen lassen, wer für die Bauzeitverzögerung und Verteuerungen verantwortlich ist. Doch zu einer gerichtlichen Klärung kam es nicht, denn die Stadt einigte sich mit Hochtief außergerichtlich mit der Zusage, das alle anstehenden Mängel umgehend beseitigt würden. Die Fertigstellung der Elbphilharmonie sollte jetzt 2014 sein.

2012: Anfang des Jahres kam es wieder zu Bauverzögerungen, worauf der Senat dem Hochtief ein Ultimatum stellte. Würde bis zum 31. Mai das Dach der Elbphilharmonie nicht fertiggestellt sein, werden alle Verträge gekündigt. Hochtief lenkte ein und baute unter erheblichen Schwierigkeiten weiter. Kurz darauf gab der Senat bekannt, dass mit Hochtief vertraglich vereinbart wurde, das der Baukonzern sämtliche Risiken übernimmt und die Gesamtbaukosten des Konzerthauses zum Festpreis von 575 Millionen akzeptierten.
Doch dann kam es wieder zu Komplikationen und ein weiterer Vertrag wurde fällig. Hochtief bekam nochmals 196 Millionen von der Stadt und garantierte das die Elbphilharmonie 2016 fertiggestellt ist.

2014: Die komplizierte Dachkonstruktion der Elbphilharmonie ist fertiggestellt. Endlich konnte der Innenausbau witterungsunabhängig angegangen werden. Hochtief zeigte sich optimistisch mit dem Eröffnungstermin 2016.

Im Januar 2015 verkündete Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz öffentlich mit Absprache von Hochtief den tatsächlichen Termin der Fertigstellung zum Frühjahr 2017. Und das scheint zu klappen, denn am 11. und 12. Januar wird das feierliche Eröffnungskonzert stattfinden.
Alles in allem eine schwere und sehr teure Geburt. Jetzt bleibt abzuwarten wie hoch die Wartungskosten werden, wie Versicherungen, Heizung, Strom, Reinigung, Personal etc...

 

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Artikel von blond-was-solls am 01.11.2016 06:27 Uhr
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Diskussion

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    Cromagnon Cromagnon, vor 1 Jahr

    Re: Eine schwere und teure Geburt

    Das kommt mir römisch vor. Vielleicht auch ägyptisch oder sogar babylonisch.

    Städte brauchen wohl so etwas, das aus dem Gewirr ihrer Straßen heraussticht.

    Interessant finde ich das Erstaunen aller über die Explosion der Baukosten. Hochtief sollte ausreichend Erfahrung mit Großprojekten haben. Ob sie wohl bewusst zu niedrig kalkulieren? Denn schon der anfängliche Baupreis wurde offenbar als nicht tragbar angesehen.
     
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    Kuschelbaer2001Kuschelbaer2001, vor 1 Jahr

    Was mich dabei interessiert ...

    In wie weit lassen sich die Kosten für den Steuerzahler trennen von den Kosten für Hotel und Eigentumswohnungen ...
    Da die Wohnungen ja wie beschrieben in den obersten Stockwerken liegen, musste der Rest ja zwangsläufig auf Steuerkosten schon mal bis dahin gebaut werden.
    Mit anderen Worten, die Investoren maximieren Ihren Gewinn auf unsere Kosten ???
     
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    Santa-GrausSanta-Graus, vor 1 Jahr

    Da ich diese...

    ...gesamte Entwicklung nicht verfolgt habe, finde ich den Bericht gut. Also sehr informativ. Interessant finde ich, dass es millionenschwere Spenden gab. Es gibt also wirklich Sympathisanten für dieses Bauwerk und es scheint eine Herzensangelegenheit für einige zu sein.

    Zwar beschleicht mich das Gefühl, hier soll mit gelebter Kultur und Unterhaltung auf höchstem Niveau ein weiterer geschlossener Treff für Reiche und Superreiche geschaffen worden sein, doch vielleicht ist es ja wirklich auch etwas für die Gemeinen. Keine Ahnung.

    Ob Hamburg so etwas braucht, kann ich nicht beurteilen. Ich mag eher dieses erdige rauhe alte Hanse-Flair, aber ich komme ja immer als Tourist da hin.

    In Enschede - 15km von hier - haben die Holländer mitten in der Innenstadt das Wilminktheater gebaut. Dort habe ich bereits den Ring gesehen, den Freischütz und viele Klavierkonzerte auf allerhöchstem Niveau. Karten zwischen 29-45Euro. Es geht auch normal.
     
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    lust-und-schmerzlust-und-schmerz, vor 1 Jahr

    Re: Eine schwere und teure Geburt

    Ein sehr guter Bericht, ich hab den Bau hautnah miterlebt von Anfang an war zig mal mit Besuchern vor ort und hab hunderte Fotografien gemacht.
    Zumindest ist das Ding jetzt fertig im Gegensatz zu dem Berliner Flughafen.

    Rechnen wird sich das Ganze für Hamburg auf jeden Fall, es ist ein absoluter Touristenmagnet. mit den Wohnungen dem Hotel und dem Restaurant sowie den Musikhallen wird es sich rechnen.

    Traurig an der ganzen Sache ist, das nichts von dem Angebotenem für den Ottonormalverbraucher bestimmt ist, es richtig sich ausschließlich an die Superreichen.

    Anfangs war ja angedacht, daß es zu allen Veranstaltungen auch ein gewisses Kontingent an sozialverträglichen Eintrittskarten geben sollte, da ist man wohl wieder von ab.
    Würde wohl auch nichts bringen denn die Reichen haben genügend Mittel und Wege sich die günstigen Eintrittskarten als erste zu kaufen, die scheuen sich ja auch nicht bei Aldi einzukaufen.
    Aber sieht echt geil aus das Ding vor allem in der untergehenden Sonne von den Landungsbrücken aus.
     
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